Die Letzten Wochen im Snehalaya/ Baroda/ Indien
Ein kleiner Rueckblick...
Ende Mai fuhren wir mit allen Kindern in eine Don Bosco Schule in einem Dorf. Wir genossen die Landschaft und die Ruhe, verbrachten einfach intensiv die Zeit miteinander, Entspannung fuer 2 Tage, bevor die Schule wieder startete. Mit Hilfe von Spendengeldern wurde circa 20 Kindern der Besuch einer Privatschule ermoeglicht!
Wir haben eine tolle Krankeschwester gefunden, die sich nun fast taeglich freiwillig und mit viel Liebe und Humor um die kleineren und groesseren Leiden der Jungs kuemmert. Auch eine Psychologin wurde gefunden, sie wird eingearbeitet, danach wird geschaut wie sinnvoll eine Anstellung ist.
Abduls und Shines muslimische Hochzeit stand an, von der Verlobung hatte ich bereits berichtet.
Am Tag zuvor wurde Abdul von allen mit einer gelben Paste eingeschmiert, Ein Stueck des Korans wurde vorgelesen, dann gab es eine Prozession mit Schwert und Kokusnuessen zu dem Zimmer, welches Abdul bis zu seiner Hochzeitszeremonie nicht mehr verlassen durfte.
Die Hochzeit an sich war weniger spektakulaer. Viele Leute in einer Bahnhofshalle, die Zeremonie war schnell vollzogen, der Hochzeitszug mit dem als Tannenbaum ;-) geschmueckten Abdul in der Mitte tanzte durch die Strassen. Tausende Rituale, deren Erlaeuterung mal wieder den Rahmen sprengen wuerden... Braeutigamsschuhklau inbegriffen ;-)
Im Juni setzte der langersehnte Monsun ein. Begruesst wurde er mit Rutschpartien und Schlammschlachten ;-)
Wir besuchten noch einige Projekte in der Stadt, z.B. das „Mother Theresa- Krankenhaus“, die Schule der Jungs und das Kinderheim der Regierung. Dort war es wirklich schlimm, die Kinder werden an den Bahnhoefen eingefangen und dann eingesperrt. Am schrecklichsten war es fuer uns, Kinder dort zu sehen, die wir kannten- keine Chance sie zu befreien.
Ausserdem besuchten wir noch Aussenstationen des Snehalaya-Projekts.Wie z.B. das Roshni-projekt: Lehrerinnen gehen in die Slums und unterrichten dort und Drop-In- Centres, welche Kinder, die an den Bahnhoefen leben, betreuen, Unterschlupf gewaehren und bei Erfolg nach einmonatiger Probezeit ins Snehalaya gebracht werden.
Die Europameisterschaft ging auch an Indien nicht spurlos vorbei. Die Inder waren ploetzlich total Fussball-begeistert, schauten sich die Spiele mitten in der Nacht an, ueberall gab es u.a. Deutschlandtrikots zu kaufen!
Als letzten Tagesausflug folgten wir der Einladung Fr. Stannys, ihn in seinem neuen Dorfprojekt zu besuchen. Er leitet dort eine technisch ausgerichtete Schule. Er zeigte uns weitere Projekte der Salesianer, welche u.a. Hilfe in der Landwirtschaft stellen, Selbsthilfegruppen leiten und sich um bessere Bewaesserungsmoeglichkeiten kuemmern. Wir besuchten einen der groessten Staudaemme der Welt und trafen in einem Mini-Dorf auf eine spanische Nonne, welche sich seit ueber 20 Jahren um die dortige Maedchenschule kuemmert. Mitten in der Praerie, abgeschieden von jeglicher Zivilisation....
Tage des Abschieds...
Und dann war die Zeit nicht mehr aufzuhalten. Der Abschied rueckte immer naeher. Wir versuchten uns abzulenken, noch so viel wie moeglich Zeit mit den Kindern zu verbringen, zu unternehmen, zu organisieren.
Wir besuchten noch einmal liebgewonnene Freunde, es gab noch Parties mit Angestellte, das letzte Mal ins Lieblingkaffee, zum Bazaar und zum Schneider.
Wir machten uns Gedanken, was koennen wir unseren Kindern zum Abschied schenken, wie koennen wir ein wenig unsere Verbundenheit und Dankbarkeit ausdruecken? Also fingen wir an, jedem unserer 100 Kinder einen persoenlichen Brief zu schreiben, wir knuepften Freundschaftsbaender und starteten ein Photoshooting. Jedes Kind sollte zum Abschied ein Photo von sich selbst und von uns bekommen...
An Schlaf war also kaum noch zu denken ;-)
Zufaellig war auch gerade ein Zirkus in der Stadt, mit 60 Euro konnten wir alle Kinder dorthin einladen. Sie waren begeistert von den Tieren usw., am meisten gefielen ihnen aber natuerlich die knappen Zirkuskostueme der Maedchen ;-)
Wir planten auch ein grosses Abschiedsfest fuer alle Freunde, Angestellten, Kinder und Unterstuetzer. Es war so toll. Zuvor brachte uns Monty noch einen indischen Tanz bei, welchen wir dann auffuehrten, die Jungs kamen aus dem Groehlen nicht mehr raus ;-) Dann gab es Spiele und eine Dia-show, Eis und chinesisches Essen mit einer abschliessenden tollen Party. Es regnete die ganze Zeit, dennoch war es ein unbeschreiblich tolles Fest. Mit einer Wahnsinnsstimmung. Ich kann es bis heute kaum fassen. Genau wie das Gefuehl aller darauffolgenden Tage. Ich erlebte viele Dinge fast wie in Trance, oder einer Art Schockzustand. Kann so viele Dinge selbst einen Monat danach noch nicht begreifen.
Die Stimmung war teilweise sehr bedrueckt, dennoch war es auch spuerbar, dass jeder versuchte uns den Abschied so schoen und leicht wie moeglich zu machen. Selbst die Kinder nahmen alle Staerke zusammen und gegenseitig konnten wir uns troesten.
Auch Fr. Roger, der Mann dem wir so viel zu verdanken haben, der uns das ganze Jahr ueber ein toller „Chef“, Freund war und wir das Gefuehl hatten, als haette er uns als seine Toechter aufgenommen, wuselte die ganze Zeit herum und organisierte viele Dinge. Er bereitete die Jungs auf den Abschied vor und gab ihnen Unterstuetzung.
Er schaffte es alle Dinge, die uns waehrend der ganzen Zeit belasteten, zu klaeren, er suchte Jungs, welche abgehauen waren und uns viel bedeuteten, wieder auf und wollte einfach nur, dass wir mit einem guten Gefuehl das Snehalaya verlassen koennen.
Wir packten unsere Sachen, Freunde kamen um „Tschuess“ zu sagen, es gab viele Traenen, niemand konnte die Situation fassen und dennoch waren die letzten Tage sehr intensiv.
Die Kinder reagierten sehr unterschiedlich: Einige drohten einfach die Luft aus dem Jeep zu lassen, oder den Flugzeugstart zu manipulieren. Andere zogen sich vollkommen zurueck.
In den letzten zwei Tagen sahen wir die Kinder alle sehr beschaeftigt. Sie probten fuer unser Abschiedsprogramm. Oft mussten wir so lachen, da sie unsere Sachen trugen, welche wir nicht mit nach Deutschland zurueck nehmen wollten ;-)
Dann kam auch schon der letzte Tag.
Das Programm war so toll, wir weinten eigentlich die ganze Zeit, teils vor Traurigkeit, doch auch vor Dankbarkeit, Froehlichkeit und einfachem Lachen ;-) Was die Kinder, zusammen mit den Angestellten und Fathers auf die Beine stellten war einfach unglaublich. Fr. Roger gab seine Magicshow zum Besten, die Kinder gaben uns ihre gebastelten Geschenke und Briefe. Dann fiel die Anspannung der letzten Tage von allen ab und es gab so viele Traenen... nicht nur von Kindern.
Zurueck im Bollywoodstatistenlager...
Am naechsten Morgen verliessen wir das Snehalaya, unser Zuhause, in dem wir die letzten 10,5 Monate lebten. Die Kinder hatten schulfrei, der Abschied war hart.
Wir wurden zum Bahnhof gebracht, Abschied von Freunden, Fr. Roger und einigen unserer grossen Jungs. Nach einer Nacht in Bombay im Provincialhouse wurden wir von unserem Coordinator Fr. Savio zum Flughafen gebracht. Ein letzter Blick zurueck und ploezlich sassen wir im Flieger. Zwischenstopp in Dubai, dann Ankunft in Duesseldorf. Abschied von Anne und Franzi, zusammen verbrachten wir fast jeden Tag der letzten 11 Monate, lebten zusammen in einem 12 m² Zimmer, gingen durch Hoehen und Tiefen und waren ein starkes Team.
Plötzlich wieder weiße Menschen (die in Indien gerne als Statisten in Bollywoodfilmen genutzt werden ;-) ), Ankunft in Wittichenau, der Familie und Freunden.
Selbst nach einem Monat kann ich so viele Dinge noch nicht begreifen, erzaehlen und erklaeren.
Das normale Leben geht weiter, man ist schnell wieder drin im Leben der Familie und im Freundeskreis, schoen nach einer ziemlich langen Zeit.
Dennoch sind meine Gedanken teilweise noch mehr in Indien als hier, das Vermissen des Landes, der Leute, Anne und Franzi und besonders der Kinder und meiner Arbeit dort ist sehr gross.
Wenn man zurueck schaut ist es fast unreal, wie ein Traum. Und alles geht weiter...Im Oktober starte ich mein Studium fuer Erziehungswissenschaften, davor noch ein Rueckkehrerseminar. 20 Jugendliche aus ganz Deutschland, die fuer ein Jahr in der ganzen Welt verstreut waren, treffen wieder aufeinander. Organisiert von der Organisation, die mich das ganze Jahr ueber begleitete und mir diese Zeit ermoeglicht hat: „Don Bosco Jugend-Dritte-Welt“.
Mit dem Snehalaya bin ich natuerlich weiterhin im Kontakt. Im September reisen zwei neue Volontaere an.
Gerade habe ich gehoert, dass die Foerdermittel fuer das Heim gekuerzt wurden. Spenden koennen also gut gebraucht werden.
Nachdem ich eine Woche zurueck in Deutschland war, hoerte ich in den Nachrichten von Bombenanschlaegen in Ahmedabad. 45 Tote in einer Stadt, unweit von Baroda, welche wir einige Male besuchten. Angeblich Racheanschlaege, wegen der Attentate, die 2003 ueber 1000 Tote und Verletzte in Baroda forderten. Unruhen zwischen Hindus und Moslems, vermischt mit politschen Hintergruenden.
Namaste!
Anna
(Bilder gibt es diesmal keine, da es viele Anfragen fuer einen kleinen Vortrag gibt, werden diese dann dort gezeigt. Zeit und Ort wird noch bekannt gegeben.)
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